In einer der reichsten Nationen der Welt ist Junpei Murasawa ein armer Mann. Er lässt Mahlzeiten aus, um Geld zu sparen. Der Junggeselle lebt in Tokio in einem winzigen Zimmer. Küche, Toilette und Dusche teilt er sich mit neun Nachbarn. Krankenversichert ist er nicht, weil er sich die Beiträge nicht leisten kann. Der 29-Jährige gehört zur wachsenden Schicht armer Arbeiter in Japan.

Um sagenhafte 40 Prozent explodierte nach Regierungsangaben zwischen 2002 und 2006 die Zahl der Japaner mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet weniger als 15.250 Euro. Inzwischen gibt es mehr als zehn Millionen von ihnen.
In einem Land, dessen Bevölkerung die weltweit höchste Lebenserwartung hat, und wo junge Frauen mit Designertaschen die Gehsteige überfüllen, spricht Murasawa von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung: «Jeden Tag lebe ich in großer Furcht», sagt der Leiharbeiter, der derzeit umgerechnet rund 686 Euro pro Monat als Einpackhilfe in einem Baumarkt verdient und damit gerade soviel, dass er keine staatliche Unterstützung bekommt. «Wenn ich nachts an meine Zukunft denke, finde ich keinen Schlaf.»
Dabei wird sich das Schicksal der armen Arbeiter wahrscheinlich noch verschlimmern, wenn die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auch die japanische Wirtschaft weiter erschüttern wird.
Einkommensschere wie noch nie
Der Anstieg der Armut unter den Arbeitern ist ein Schock in einem Land, das sich einst damit brüstete, eine Bastion wirtschaftlicher Gleichberechtigung zu sein. «Eine sich derart ausweitende Einkommensschere gab es in Japan noch nie», sagte Yoshio Sasajima, Ökonom an der Tokioter Meiji Gakuin Universität. «Unsere Gesellschaft wird eindeutig zur Klassengesellschaft.»
Die Ursachen dieser Veränderungen liegen im Platzen der sogenannten «Wirtschaftsblase» in den frühen 1990er Jahren. Als damals die Tokioter Börse abstürzte und große Vermögen auslöschte, kam es zu vielen Entlassungen. In den 2000er Jahren folgten eine Reihe von Reformen zur Liberalisierung der Märkte, die die Unterschiede zwischen Arm und Reich noch vergrößerten.
Ein Hauptgrund für das Anwachsen der Zahl der armen Arbeiter war die Explosion der Leiharbeit. Als Teil der Arbeitsmarktreformen erleichterte es die Regierung 2004 Unternehmen, Leiharbeiter anzustellen, woraufhin ihre Anzahl bis 2007 um 40 Prozent auf 1,33 Millionen anstieg. «Statt teure Vollzeitbeschäftigte einzustellen, holen sich die Unternehmen billigere Zeitarbeiter als Teil ihrer Anstrengungen, Kosten zu senken», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Yasuyuki Iida von der Komazawa Universität in Tokio.
Schlafen im Internetcafé
Die immer größere Zahl der armen Arbeiter fordert schon ihren Tribut von der japanischen Gesellschaft: Immer mehr Menschen verschieben geplante Hochzeiten und verschärfen damit die ohnehin sinkende Geburtenrate. Zeitarbeiter, die sich keine Wohnungsmiete mehr leisten können, schlafen in 24-Stunden-Internetcafés. Einige gehen nicht mehr zum Arzt, weil sie es sich schlicht nicht leisten können.


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